Rund um die Adoption

Frühkindliche Traumatisierung bei Pflege- und Adoptivkindern

Die existenziell sichernde Bindung ist die Grundlage für eine positive menschliche Entwicklung.

 

Pflege- und Adoptivkinder erfahren jedoch oft schon zu Beginn Ihres Daseins häufig und immer wieder größte Hilflosigkeit. Lange Wartezeiten auf Versorgung, das Erleben des Alleingelassenseins, eine vielleicht ablehnende Haltung der Mutter, ein häufiger Wechsel von Versorgungspersonen und vielleicht sogar lebensbedrohliche Vernachlässigung oder schlimme Gewaltanwendung.

 

Um eventuell schwieriges Verhalten bei dem Pflege- oder Adoptivkind zu verstehen ist ein Faktor sehr wichtig: Ab dem dritten Lebensjahr, bei dem ein Kind den Unterschied zwischen „ich“ und der Welt zu erkennen beginnt, ist das Kind gefühlsmäßig eins mit der Welt, eins mit der Mutter. Wenn also z.B. der Hunger kommt und von niemandem gestillt wird, dann erlebt das das Kind als lebensbedrohlich. Nicht von außen, sondern von innen. Kommt jedoch die Mutter und füttert das Kind, so erlebt das Kind dieses nicht als „ah gut, da kommt jetzt meine Mama und füttert mich“. Stattdessen erfährt das Kind, dass es aus eigener Anstrengung heraus satt wird. Um das dritte Lebensjahr herum beginnt das Kind den Unterschied zwischen „Ich“ und „Welt“ zu erleben und die Erinnerungsfähigkeit bildet sich aus. Dadurch ist das Kind nun in der Lage, Erlebnisse besser einzuordnen. Es bekommt nun eine Ahnung davon, dass vielleicht auch andere Menschen an seinem Leid beteiligt sein können. Bis Kinder vollständig begreifen können, dass sie nicht selbst schuld an Ihrer Misere sind, dauert es in der Regel, bis sie in die Pubertät kommen. 

Bis zum dritten Lebensjahr äußern diese Kinder ihre tiefe existentielle Unsicherheit durch heftiges Schreien, aggressive Panik oder apathischen Rückzug.

Die frühen prägenden Erfahrungen verankern sich dauerhaft in der Persönlichkeit des Kindes. Statt Glück wird Not erlebt, statt Ruhe Aggressivität, aus Vertrauen wird Misstrauen. Oft werden diese Kinder zu Überlebenskämpfern, die sich ohne positive Bindungserfahrung ungehalten und verirrt durch´s Leben schlagen.

 

Die unerträgliche Existenzangst wird kompensiert durch Abwehr. 

 

So wird Kampf zum Überlebenskonzept: Er verdrängt die Angst, hilft und ermöglicht Macht durch aktives Wegstoßen von anderen. Zugleich aber gibt es auch eine tiefe Sehnsucht nach Halt und Geborgenheit. Hinter dem Überlebenskampf verbirgt sich das verzweifelte, hilflose Kind. So stecken die Kinder in einer sehr widersprüchlichen Spannungssituation. Sie sind auf der Suche nach Halt und Bindung, wehren aber zugleich das Bindungsangebot der neuen Eltern oft heftig ab. Sie wollen etwas, können dies jedoch nicht ertragen. Sie zeigen ihre Not in der Sprache des abwehrenden Kämpfers und machen es den erziehenden Pflege- und Adoptiveltern schwer, sie vorbehaltlos zu mögen.

 

Für Pflege- oder Adoptiveltern ist dies eine sehr schwierige Situation, die nur durch tiefes Verstehen der Biografie des Kindes getragen und allmählich verändert werden kann.

 

Hinter der Abwehrmauer steckt die abgrundtiefe Angst erneut verlassen zu werden und die Sehnsucht nach Halt. Immer wieder versuchen diese Kinder, ihre neuen Bezugspersonen aus der Reserve zu locken. Auch wenn das nicht leicht ist: das Wichtigste ist dem Kind in Gelassenheit und Liebe Halt durch Regeln und Konsequenzen zu geben. Das Kind würde sonst nur die Erfahrung machen, dass der Erwachsene zum Opfer seiner unkontrollierten Ausbrüche wird. Nur deshalb weil Pflege- und Adoptiveltern die „Großen“, die „ Stärkeren“ sind, können sie dem Kind Sicherheit durch die klare Geregeltheit des Alltags geben. Was die Kinder dringend brauchen, ist die Erfahrung, dass das Leben (die Eltern) hält, was es verspricht. Aus der Regelmäßigkeit kann nun Zuverlässigkeit und aus Zuverlässigkeit langsam ein gewisses Vertrauen wachsen.

 

Dieser Prozess dauert und bleibt lange unsichtbar.

 

Auf einer tieferen Ebene schlägt das Vertrauen aber schon erste Wurzeln, auch wenn an der Oberfläche noch immer das alte Kampfverhalten gezeigt wird. Die Erziehung von Pflege- und Adoptivkindern ist nicht leicht, wobei es immer wieder darum geht, zu verstehen und sich einzufühlen in das, was sie trotz aller Widersprüchlichkeit im Tiefsten brauchen: Halt, Schutz und Geborgenheit durch dauerhaft sich bemühende, verstehende und führende Eltern.